Vor ein paar Tagen habe ich mir ein Buch über die Geschichte des Internet gekauft (dazu schreibe ich wohl auch irgendwann noch was) und in diesem etwas für mich vollkommen Neues gelesen. In dem Buch wird beschrieben, dass einer der “Erfinder” des Internets die Fähigkeit hat(te) ein durchschnittlich dickes, nicht zu komplexes Buch in etwas mehr als einer halben Stunde (!!) zu lesen. Ich finde das ziemlich bemerkenswert.
Am nächsten Tag habe ich dann Tante Google befragt und tatsächlich: Das Netz wimmelt von Kursangeboten in denen Schnell-Lesetechniken gelehrt werden sollen, Seminaren, Video-Kursen und Büchern [1] [2 ].
Zwei von diesen Büchern habe ich mir mittlerweile besorgt und durchgelesen. Das bessere der beiden Bücher ist der “Taschenguide – Schneller lesen ” von Holger Backwinkel und Peter Sturtz.
Ich bin von der Idee, die hinter dem schnellen Lesen steckt, eigentlich ziemlich angetan, allerdings halte ich die in den Büchern gemachten Versprechungen auch für ziemlich “euphorisch”. Die essentiellen Ideen/Konzepte für das schnelle Lesen kann man in sehr wenigen Sätzen zusammenfassen:
- Wenn wir lesen, “sprechen” wir in Gedanken das Gelesene mit. Eines der Bücher nennt diesen Effekt “Subvokalisation” – klingt gut, nicht?. Diese Subvokalisation bremst das Lesen aber sehr stark, da wir nur in dem Tempo subvokalisieren können, in dem wir sprechen. Das Gehirn ist aber lt. den Büchern fähig ein Vielfaches der Worte zu begreifen, als es Worte “in Gedanken aussprechen kann”. Also liegt die Idee nahe sich den Reflex in Gedanken mitzusprechen abzuschalten.Eines der Bücher rät dazu, während des Lesens in Gedanken ständig “eeeeeee” zu sagen. Wenn es einem tatsächlich gelingt in Gedanken “eeeeeee” zu sagen und dabei noch zu lesen, ist der Subvokalisations-Reflex tatsächlich unterdrückt. Ich habe das spasseshalber eine Zeit lang trainiert und tatsächlich fiel es mir immer leichter das “eeeeeeee” gedanklich zu “sagen” und dabei zu lesen. Ich hatte sogar den Eindruck, dass ich beim Lesen schneller wurde.
- Das menschliche Auge bewegt sich nicht in einer kontinuierlichen Bewegung über den Text, sondern “hüpft” von Wortgruppe zu Wortgruppe. Bei einer Spaltenbreite wie in diesem Blog, macht das Auge etwa 5 solcher Sprünge (Sakkaden). Diese Sakkaden machen den Leseprozess aber relativ langsam und ermüden das Auge.Viel Effizienter ist es hingegen, wenn man den Text in einer konstanten Bewegung erfasst. Das geht z.B. dadurch, dass man dem Text mit dem Zeigefinger oder Stift entlang fährt. Das Auge fixiert dann den Finger oder Stift und nimmt die Schrift sozusagen über das periphere Sehvermögen war. Das reicht aber aus den Text zu lesen.
Diesen Tipp finde ich eigentlich recht gut… Aber im Prinzip ist das ein ziemlich alter Hut und ich bin seit jeher ein Fan das mit-Stift-in–Hand-Lesen-und-im-Buch-Herummalens…
- Die Bücher behaupten außerdem, dass auf das Lesen die 80/20-Regel anwendbar ist. In diesem Kontext bedeutet das, dass wir 80% des Texts in nur 20% der Zeit verstehen, die wir zum vollständigen Verständnis des Texts bräuchten. D.h. dass wir also 80% der Zeit für die 20% weniger gut verständliche Textstellen verwenden. Die Bücher raten daher: les’ schnell und kümmere dich nicht darum, wenn du mal etwas nicht ganz verstehst. Im Gesamtzusammenhang wird die Bedeutung meist klar.Diese Regel ist wohl nur dann anwendbar, wenn man sich einen überblick über ein Thema verschaffen will. Da kann man tatsächlich mal über einen Text “fliegen” und muss sich nicht darum kümmern, ob man alles verstanden hat oder nicht. Ansonsten würde ich aber behaupten, dass das Quatsch ist.
Durch das schnelle Lesen versprechen die Autoren, soll das Gehirn gezwungen werden, sich 100% auf das gelesene zu konzentrieren. Wer langsam liest, soll “Rechenleistung” verschwenden und das Hirn sucht sich eine Nebenbeschäftigung (Es überlegt z.B. “Was koche ich morgen…?”) und wird unaufmerksam.
Ich glaube, dass an den Schnelllese-Techniken einiges dran ist, aber auch viel Humbug. Für tatsächlich simple Literatur kann man diese Techniken sicher anwenden, aber wohl kaum für komplexe Werke, die vielleicht wissenschaftliche Themen behandeln…